Aufsätze zur Akupunktur

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Heilung und Verantwortlichkeit

 

Heilung ist nur möglich, wenn man die Verantwortung für sein Wohlergehen ebenso wie für sein Scheitern, für Fehlverhalten, die eigene Krankheit wie auch die Heilung übernimmt.

 

Schon von manchen Patienten musste ich mir anhören, wer angeblich alles Schuld an seinem Leiden und seiner Krankheit war. Alle möglichen Leute, nur nicht der Patient.

 

Ich höre mir so etwas nie allzu lange an, frage manchmal lächelnd, ob ich nun etwa die ganze Welt heilen soll, damit der Patient selbst gesunden kann.

 

Die meisten verstehen den Wink, einige wenige verstanden ihn nicht und waren tatsächlich der Meinung, dass Eltern, Geschwister, Verwandte und wer nicht sonst noch alles von mir geheilt werden müssten, damit sie dem Patienten in Zukunft kein Ungemach mehr bereiten. Bei einigen spürte ich insgeheim, dass sie diesen Menschen den Tod wünschten.

Manchmal musste ich grob werden und feststellen, dass eine Heilung nicht möglich ist, solange man selbst die Verantwortung für seine Krankheit von sich weist. Und drohte den Leuten damit, sie einfach nachhause zu schicken.

Mir scheint, soweit es überhaupt eine Ursünde gibt, so liegt sie im abschieben von eigener Verantwortung.

 

 

Wie war das damals im Paradies?

 

Dort gab es Millionen und Abermillionen von Bäumen mit leckeren Früchten. Die pure Wahrscheinlichkeit, dass Adam und Eva jemals vom Baum der Erkenntnis oder vom Baum des Lebens gegessen hätten, ging gegen null.

 

Doch Gott macht in der biblischen Schöpfungsgeschichte seine beiden Geschöpfe ausdrücklich auf diese beiden Bäume aufmerksam und belegt sie mit einem Verbot. Von allen Früchten dürft ihr essen, nur von diesen beiden nicht.

 

Interessanter und attraktiver hätte Gott diese beiden Bäume gar nicht mehr darstellen können. Liegt es es denn nicht in der Natur des menschlichen Wesens, willkürliche Verbote zu übertreten, ja, sie geradezu als Einladung für eine Übertretung zu sehen? Kann man nicht sogar in der Kindererziehung ein Verhalten, zu dem die Kinder eigentlich gar nicht bereit sind, dadurch erzielen, indem man es verbietet und damit attraktiv macht?

 

Doch seitdem gilt in der christlichen Lehre das missachten des Verbots als Ursünde. Und natürlich, wenn man jemanden zu ewiger Verdammnis verurteilt, hat man auch gleich die Rettung parat, in Form von Jesus, der angeblich gekommen sei, um uns von dieser Ursünde zu befreien.

 

Wer verdammt und zugleich die Rettung anbietet, hat jemanden vollkommen in der Hand.

 

Eine außerordentlich geschickte Kombination, von der nicht nur das Christentum, sondern die meisten Religionen profitieren.

Dabei müssen wir uns eigentlich nur klarmachen, dass zu den Zeiten, als die Vorgängergeschichte zur Schöpfungsgeschichte, das Gilgamesch Epos entstand, die menschliche Gesellschaft schon seit tausenden von Jahren hierarchisch geordnet war und die jeweiligen Führer festlegten, was verboten und geboten war. Dazu passend daneben auch eine Schöpfungsgeschichte, in der sich bereits die ersten Menschen schuldig machten, indem sie göttliches Verbot missachteten.

 

Doch die Genesis ist voller Symbolik. Wie überhaupt viele Geschichten des Alten Testamentes.

 

Mir war nie so recht klar, warum Gott, der nach biblischer Auffassung unser Schöpfer ist und deshalb wohl auch ganz genau weiß, was er geschaffen hat, oder um es mit den Worten von Albert Einstein zu sagen, Gott würfelt nicht, nun ausgerechnet dieses menschliche Verhalten, durch ein Verbot etwas besonders verlockend erscheinen zu lassen, nicht gekannt haben sollte. Verbote, deren Sinn sich nicht erschließen, besondere Attraktionen schaffen, sie zu übertreten.Wollte Gott wirklich verhindern, das von diesen beiden Bäumen gegessen wird, er hätte sie einfach nur möglichst unattraktiv unter all den Millionen Bäumen machen müssen, doch stattdessen fordert er die "Ursünde" geradezu heraus.

 

Gott als der Versucher, das drückt sich übrigens auch im Vaterunser aus:

 

"Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen."

 

Wer noch nie darüber nachgedacht hat, sollte sich vielleicht fragen, warum dieser Satz nicht zum Teufel gebetet wird, der doch angeblich zumindest seit der babylonischen Gefangenschaft ein Gegenspieler Gottes und der Versucher ist, sondern zu Gott, der vor der babylonischen Gefangenschaft in der jüdischen Tradition das Ganze symbolisierte, ohne irgend einen Gegenspieler, ohne jeden Dualismus.

 

In einer Bibeldramagruppe befassten wir uns sehr eingehend mit der Genesis.

Wir kamen zu dem übereinstimmenden Ergebnis, dass es nicht etwa die Missachtung des Verbots vor, die die Ursünde hervorrief, sondern das danach.

 

Denn als Gott seine Geschöpfe fragte, warum sie das Verbot übertreten haben, bekam er statt einer Antwort nur Ausflüchte zu hören. Nicht nur Ausflüchte, sondern die Verantwortung wurde von den Verantwortlichen auf andere geschoben. Für Adam war es Eva, die ihn verführt und zu Missachtung des Verbots gebracht hatte, für Eva war es die Schlange. Natürlich sind wir, wenn wir verführt werden, nur unschuldige Opfer und nicht etwa mehr Herr unseres eigenen Willens. Für unser Handeln ist also immer der Verführer verantwortlich, niemals wir selbst. Was für eine einfache und schöne Welt, in der immer die anderen schuld sind.

 

Wäre ich in diesem Fall an der Stelle Gottes gewesen, ich hätte die beiden ebenfalls aus dem Paradies vertrieben, denn sie waren offensichtlich nicht reif für die Früchte vom Baum des Lebens. Ihre Erkenntnis reichte nicht weiter, als eben zu erkennen, das sie nackt waren und gegen Gottes Gebot gehandelt hatten. Doch sie verschlossen sich ihrer eigenen Verantwortung für ihr Handeln und schoben sie auf andere ab.

 

Seitdem wir sind wir wie ein Vogel, der einen Flügel verloren hat. Wir trauern um das verlorene Paradies, wissen, dass wir mit dem anderen Flügel fliegen könnten, das uns jedoch der eine Flügel, den wir seit dem bereits haben, sogar eher behindert, weil mir somit weder Vögel noch richtige Erdenbewohner sind, sondern seitdem einfach nur krank sind. Krank besonders an unserer bitteren Erkenntnis, dass uns etwas ganz Wesentliches fehlt.

 

Doch die meisten von uns richten sich damit mehr oder minder bequem ein, versuchen innerhalb der Gesellschaft möglichst gut zu funktionieren und sich eine möglichst gute Stellung zu erobern, und vergessen, dass wir nicht auf der Erde sind, um Karriere zu machen, Reichtümer oder gesellschaftliche Anerkennung zu sammeln, in der Gesellschaft zu funktionieren, sondern um den Zugang zum Paradies wieder zu findenund nun doch noch zu der Reife zu kommen, die die Frucht vom Baum des Lebens von uns fordert.

 

Und so höre ich auch fast nie von einem Patienten, dass er etwa selbst die Grundlagen für seine Krankheit gelegt hatte und um Hilfe bei seiner Suche nach der Heilung war, sondern bestenfalls, dass ich eben einige Nadeln in Seine Haut stecken soll und die gesundheitlichen Beschwerden einfach wieder, ohne eigenes Zutun, verschwinden.

 

Tatsächlich ist in einem Heilprozess nicht viel eigenes Zutun erforderlich, zumindest nicht bei meiner Akupunktur. Doch die Verantwortung muss man schon übernehmen, sonst scheitert jeder Versuch einer Heilung. Wir müssen uns endlich von unserer Ursünde verabschieden, alles und jeden für unser Scheitern verantwortlich zu machen, nur nicht uns selbst.

 

Das würde nicht nur unseren Politikern gut anstehen, die natürlich auch immer den politischen Gegner für ein Scheitern verantwortlich machen, es steht jedem von uns gut an.

 

Wie oft haben wir es schon erlebt, dass wir gute Vorsätze zur Jahreswende hatten, dass wir unseren Partnern versprochen haben, uns zu bessern oder zu ändern, dass wir sogar den Ehepartner gewechselt haben, nur um immer wieder dasselbe zu erleben. Nämlich das erneute Scheitern mit sehr ähnlichen Mustern wie zuvor.

 

Und trotzdem begreifen wir nicht, das wir selbst eigentlich die Herren des eigenen Schicksals sind, selbst verantwortlich für unsere Gesundheit und unser Wohlergehen, dass es auch nach wie vor keine Therapieform gibt, die uns von dieser Verantwortung entbinden würde. Und nicht beispielsweise in einer Ehe der böse Ehepartner / in, in dem / der man sich so maßlos getäuscht hatte. Wir begreifen nicht, das wir auch die zu uns passenden Menschen anziehen, die uns einen Spiegel für unsere eigene Unreife vor die Nase halten.

 

Ja nun, die westliche Medizin geht mit uns um als seien wir ein chemischer Ofen, in den man nur das Richtige reingeben muss, damit er wieder richtig funktioniert. Eine riesige Pharmaindustrie verdient sehr gut an dieser Ansicht. Ebenso wie das große Heer der Ärzte, die dieser Ansicht huldigen. Es wird also einfach nur repariert, oder gar Organe ausgetauscht, wobei man lieber nicht danach fragt, woher das Spenderorgan stammt oder der Körper voll gepumpt mit Chemikalien, die wegen ihrer Nebenwirkungen weitere Chemikalien benötigen, um einigermaßen ein chemisches Gleichgewicht herzustellen, mit dem wir halbwegs weiter funktionieren können. Der Patient ist in diesem Fall wirklich bar jeder Verantwortung, er muss nur einnehmen, was der Arzt verschreibt und alles wird wieder gut. Wird wirklich wieder alles gut?

 

Was für eine schöne neue Welt, in deruns der Staat sogar in der Kindererziehung zunehmend die Verantwortung abnimmt und sogar das Internet restlos zensieren möchte, damit wir erst gar nicht in Berührung kommen mit etwas, was die schöne Scheinwelt infrage stellen könnte.

 

Kein Wunder, das die westlichen Demokratien mehr und mehr zu Plutokratien verkommen, in denen die wirtschaftlich Mächtigen auch die Politik bestimmen. Schließlich übernehmen die wirtschaftlich Mächtigen auch die Verantwortung für die Verteilung von Waren, für Arbeitsplätze und überhaupt unser ganzes materielles Wohlergehen. Doch auch die wirtschaftlich Mächtigen übernehmen, ebenso wie die Politiker, keine Verantwortung sondern sprechen immer wieder von Sachzwängen.

 

Wir selbst sind darin ja nur kleine Rädchen im Getriebe, die noch nicht einmal das eigene Schicksal auch nur halbwegs beherrschen würden, vollkommen abhängig von irgendwelchen Sachzwängen und somit bar jeder Verantwortung für uns selbst sind. Selbst unsere Berufe wählen wir nach der Arbeitsmarkt-Statistik und nicht etwa nach unseren Neigungen. Als ob Beruf und Berufung nichts mehr miteinander zu tun hätten.

 

Kein Wunder, das die Menschen zwar, seit man die Kindersterblichkeit und Säuglingssterblichkeit, die früher die durchschnittliche Lebenserwartung so massiv gedrückt hatten, ebenso wie das Kindbettfieber, das viele Frauen nach der Schwangerschaft hinwegraffte, mit relativ guter Gesundheit recht alt werden können, doch gleichzeitig mehr und mehr abhängig werden von dem gewaltigen medizinischen Apparat, den sich die westlichen Industrienationen aufgebaut haben.

 

Immer und immer wieder werde ich an eine Aussage der Hildegard von Bingen, erinnert:

 

Krankheit ist die Folge eines abweichens vom Lebensweg. Wird der Lebensweg wieder gefunden, ist die Krankheit nicht mehr notwendig und kann gehen.

 

Deutlicher kann man wohl kaum noch klarmachen, was erstens Sinn unseres irdischen Daseins ist und zweitens, weshalb wir gelegentlich krank werden.

 

Natürlich ist es heute nicht mehr ganz so einfach wie im Mittelalter, wo die Menschen noch weit gehend natürlich lebten, als man über biologische Bauweise noch gar nicht noch dachte, weil ohnehin nur biologisch gebaut wurde, über Chemie im Essen genauso wenig nachdenken musste, weil es die einfach nicht gab sondern stattdessen gesundes, natürlich gewachsenes Essen, sei es in pflanzlicher oder tierischer Form, als die Jahreszeiten und Tageszeiten noch den Rhythmus des Lebens vorgaben und nicht irgendwelche Sachzwänge. Ganz so einfach ist es inzwischen nicht mehr, viele von uns werden krank an den Lebensumständen der modernen Industriegesellschaft.

 

Dennoch kann man auch in der Industriegesellschaft beobachten, dass es Menschen gibt, die besonders anfällig für Krankheiten und Unfälle sind und andere, die trotz der gleichen, ungesunden Lebensweise ziemlich gut über die Runden kommen. Also hat es wohl selbst in der Industriegesellschaft etwas mit uns selbst zu tun und somit sind wir wohl auch in der Industriegesellschaft nicht einfach nur Sachzwängen ausgesetzt, sondern nach wie vor ausschließlich selbst für unser Schicksal verantwortlich.

 

So können wir auch einen Beruf wählen, weil er einfach Geld einbringt, oder einen Beruf wählen, in dem wir uns entfalten können und aufblühen. Doch mehr und mehr flüchten sich die Menschen in den Konsum von Waren und Luxusgütern, mit dem sie sich selbst davon ablenken, dass sie in ihrem Beruf ebenso wenig Erfüllung finden wie in ihrem Leben. Daran wiederum verdient eine ganze Industrie, die großes Interesse daran hat, dass es auch so bleibt.

 

Ich werde gerade an die Behandlung eines damals mongoloiden dreijährigen Kindes erinnert.

 

Die erste Behandlung verlief völlig problemlos, das Mädchen verteilte reihum seine Küsschen, während sie mit den Nadeln auf der Behandlungsliege lag. Wir standen zu viert um sie herum, ich als Behandler, eine Schülerin von mir sowie die beiden Eltern. Drei Wochen später die nächste Behandlung, die ebenfalls noch ziemlich problemlos verlief. Doch schon vier Tage danach, viel früher als ich es eigentlich erwartet hatte, wurde die letzte abschließende Behandlung fällig.

 

Und nun stellte ich mit Überraschung fest, das die kleine Laura sich mit Händen und Füßen gegen die Heilung wehren wollte. Immer wieder verweigerte sie das weitere Setzen von Nadeln, wobei es nicht an den Nadeln lag, denn wenn ich stattdessen mit Akupressur behandeln wollte, verweigerte sie sich ebenso.

 

Mir war klar, das Kind stand an einer Klippe. Sie konnte nicht mehr zurück, das war ihr klar, aber sie wollte auch nicht vorangehen. Als einzige Alternative blieb eigentlich nur noch der Tod.

 

Immer wieder, wenn sie sich wieder verweigerte, fragte ich sie, ob ich gehen soll. Doch dann bat sie mich auf, auf jeden Fall zu bleiben. Ich machte jedoch mein bleiben davon abhängig, dass sie mich die nächste Nadel setzen ließ. Nadel um Nadel kämpfte ich letztendlich um ihr Leben.

 

Mir war völlig klar, dass ihr wohl bewusst geworden war, dass sie die ganz besondere Fürsorge der Familie mit ihrer Heilung verlieren würde. Sie würde ein einfaches Mädchen wie ihre Geschwister auch werden, zwar mit der ganzen Liebe der Eltern, aber eben nicht mehr etwas besonderes. Ich sprach sogar während der Behandlung mit ihr darüber, sagte ihr, dass es einfach keinen Weg zurück gibt und nur noch einen Weg nach vorne. Ich war überrascht, wie gut mich das dreijährige Mädchen verstand, denn ich redete mit ihr wie mit einer Erwachsenen.

 

Die Behandlung hatte mich vollkommen ausgelaugt, danach fuhr ich mit letzter Kraft an einen Kraftplatz, um aufzutanken und mich zu erholen.

 

Jahrelang hörte ich nichts mehr. Knapp vier Jahre nach dieser Begebenheit traf ich zufällig den Vater des Mädchens, der sich überschwänglich bei mir bedankte. Laura war gerade eingeschult worden, und zwar nicht in eine Sonderschule sondern ganz normal. Ein Gutachten, das ein halbes Jahr zuvor erstellt worden war, ergab zur Überraschung der Eltern nicht nur, dass Laura überhaupt keine mongoloiden Symptome mehr aufwies, sondern sogar das Chromosomen Gutachten ergab eine vollständige Heilung, auch zur völligen Überraschung des Arztes, der das Kind bereits kurz nach seiner Geburt betreut hatte und natürlich damals schon ein Chromosomengutachten erstellt hatte.

 

Dieses Mädchen, mit ihren gerade mal drei Jahren hatte schließlich doch die Verantwortung für ihr eigenes Leben übernommen. Wenn eine dreijährige dazu in der Lage ist, dann sollte es eigentlich auch jeder Erwachsene sein.