Aufsätze zur Akupunktur

 

 

 

 

 

 

 

Stadtluft macht frei

 

Dieser Satz hatte bis ins ausgehende 19. Jahrhundert, in Ostpreußen sogar bis 1918 Bedeutung. Denn auf dem Land gab es eigentlich nur den Adel als freie Menschen und ansonsten Leibeigene, von wenigen Ausnahmen, wie meinen Vorfahren abgesehen.

 

In den freien Reichsstädten jedoch gab es keine Leibeigenschaft, deshalb machte Stadtluft frei.

 

Inzwischen jedoch macht Stadtluft eher krank, insbesondere psychische Erkrankungen treten in Großstädten bis zu fünfmal häufiger als auf dem Land auf.

 

Über die Ursachen ist man sich noch nicht klar, doch an den statistischen Ergebnissen ist nicht zu rütteln, sie sind eindeutig. Nicht nur statistische Ergebnisse, sondern Experimente, mit denen man gezielt auf bestimmte Gehirnregionen einwirkte, zeigen deutliche Unterschiede zwischen den Bewohnern von Stadt und Land. Jemand, der auf dem Land lebt, scheint nicht so schnell ängstlich zu werden.

 

Siehe dazu:

 

Die Seelennöte der Stadtmenschen

 

 

Für mich, in einem kleinen Dorf und anschließend einer Kleinstadt aufgewachsen, der auch lange Großstadtluft geschnuppert hat und somit einen guten Vergleich hat, liegen einige Ursachen jedoch auf der Hand.

 

Ein Dorf bildet eine natürliche Gemeinschaft, trotz aller Differenzen und Feindschaften, die es natürlich auch in einem Dorf gibt. Man kennt sich, man trifft sich im Gasthaus oder der Kirche, begrüßt sich auf der Straße oder geht sich auch absichtlich aus dem Weg, man ist nicht anonym. Auch Behinderte und gebrechliche, alte Leute sind ganz natürlich in das soziale Gefüge eingebunden.

 

Ganz anders die Großstadt. Ganz besonders in Neubauvierteln, am schlimmsten in am grünen Tisch entstandenen Stadtprojekten, ist Anonymität und Isolierung die Regel. Oft kennt man noch nicht einmal seine Nachbarn. Soziale Kontakte, soweit überhaupt, werden durch den Arbeitsplatz her gestellt, beschränken sich häufig auch auf gemeinsame berufliche Interessen und sind, ebenso wie am Reißbrett entstandene Stadtviertel im Gegensatz zu einem Dorf, in dem sämtliche Altersschichten und Einkommensschichten eine soziale Gemeinschaft bilden, eine Monokultur.

 

Mich wundert nicht, dass man bereits herausgefunden hat, dass besonders die Kindheit in einer Großstadt psychische und körperliche Erkrankungen fördert wenn nicht sogar hervorruft. Ein Kind in einer Großstadt erlebt von Anfang an Unfreiheit und Einschränkungen, schon allein um seiner eigenen Sicherheit willen.

 

Ein Kind, das in einem Dorf aufwächst, erlebt im Verhältnis zum Großstadtkind eine ungleich größere Freiheit, unter anderem, weil es durch die gesamte Gemeinschaft geschützt wird. Während alles außerhalb der unmittelbaren Kontrolle der Eltern in einer Großstadt für ein Kind praktisch feindlich und somit auch gefährlich ist.

 

Das sind die beiden Extreme, in einer Kleinstadt oder auch einem noch weit gehend natürlich erhalten eingemeindeten Stadtviertel sind eher dörfliche als anonyme, großstädtische Strukturen zu finden.

 

Die meisten Kontakte in einer Großstadt sind oberflächlicher Natur, bleiben auf zufällige Begegnungen in einer Diskothek oder Kneipe beschränkt. Das hat gewiss auch seinen Reiz, ersetzt jedoch nicht die fehlende soziale Gemeinschaft. In einer Großstadt ist praktisch alles durchorganisiert, der Einzelne hat sich dem zu unterwerfen. Gewachsene Strukturen sind die Ausnahme. In einem Dorf wird natürlich auch organisiert, doch sehr viel flexibler als in der Stadt. Nachbarschaftshilfe ist fast selbstverständlich, in der Stadt treten an ihre Stelle diverse Dienstleistungen.

 

Außer in alten, gewachsenen Stadtvierteln gibt es auch kaum noch eine Großfamilie innerhalb der Stadt, die auf dem Land eigentlich immer noch vorherrscht. Alle Generationen leben unter einem Dach oder zumindest auf demselben Grundstück. Damit erübrigen sich auch weit gehend Kindergärten, selbst wenn die Mutter berufstätig ist.

 

Doch diese Idylle und natürliche Gemeinschaft scheint auf verlorenem Posten, immer mehr Dörfer sterben aus, viele Dörfer in der Nähe von Großstädten verkommen durch Neubaugebiete allmählich zu "Schlafstädten", in denen man nicht sein Leben verbringt sondern nur zum schlafen von Arbeit und Vergnügen zurückkehrt.

 

Die Industriegesellschaft fordert Menschen, die sich strikten Strukturen bedingungslos unterwerfen. Menschen von frühester Kindheit an strikte Strukturen zu gewöhnen gelingt natürlich am leichtesten in der Großstadt mit ihrer Isolation des einzelnen und einer Vorschule, die möglichst früh, am besten schon in den ersten Lebensmonaten beginnt.

 

Über die Folgen, psychisch kranke Menschen, braucht man sich eigentlich nicht zu wundern.


Ich vermute, dazu kenne ich keine Statistik, dass auch die Scheidungsrate in der Großstadt deutlich höher als auf dem Land ist und Kinder nur in den seltensten Fällen bis zum Erwachsenen werden eine intakte Familie als Schutz und Halt erleben. Ganz besonders in Stadtvierteln mit einer durch Planung am grünen Tisch entstandenen Monokultur aus ähnlicher Einkommens- und Altersschicht. Nicht umsonst sind diese Stadtviertel von Anfang an soziale Brennpunkte mit einer typischen Kriminalität.

 

Ein solches Viertel habe ich vor den Toren Münchens erlebt. Ein Neubaugebiet, am grünen Tisch entstanden, Eigentumswohnungen und Reihenhäuser, so gleich und anonym, dass man selbst nach mehreren Besuchen ohne die Hausnummer gezielt zu suchen, das Haus nicht entdeckte, weil alles gleich aussah. Typisch auch die soziale Struktur, junge, gut situierte Familien, die Wohnung meist gekauft, wenn das erste Kind unterwegs war. Also praktisch alle aus der Einkommens-Schicht, mit der man sich eine Eigentumswohnung oder ein kleines Reihenhaus überhaupt leisten kann, alle in ähnlichem Alter. Eine Monokultur, die an die grauenhaften Fichten-Monokulturen erinnern, die frühere intakte Wälder ersetzen. Und ebenso anfällig für Krankheiten.

 

Es gab auch eine ganz typische Kriminalität in diesem Stadtviertel, nämlich Vandalismus. Woanders werden Fahrräder vielleicht geklaut, wenn sie nachts noch draußen stehen. In diesem Stadtviertel wurden sie stattdessen zerstört. Es hatte wohl niemand nötig, ein Fahrrad zu klauen. Aber die ganze Wut über das eintönige Leben an einem fremden Fahrrad auszulassen, das gehörte fast schon zum guten Ton. Auffälliger Weise gab es in dem gesamten Stadtviertel auch keine Kneipe oder ein Restaurant, keine Möglichkeit, sich irgendwo einfach so zu treffen. Für praktisch alles außerhalb der eigenen Wohnung musste man nach München fahren. Noch schlimmer als ein Dorf in Großstadt Nähe, das allmählich zur Schlafstadt verkommt. Denn dort gibt es wenigstens noch den alten, gewachsenen Dorfkern mit Wirtschaften, Einkaufsmöglichkeiten und Handwerkern.

Mich würde eher wundern, wenn man in einer solchen Umgebung auf Dauer psychisch und körperlich gesund bleiben oder zu einem gesunden Menschen heranwachsen kann.

 

Doch es sind gerade diese seelisch verkrüppelten Menschen, die die Industriegesellschaft braucht. Weshalb auch weiterhin ganze Stadtviertel am grünen Tisch geplant werden.

 

Stadtluft macht frei?

 

Selbst in den Zeiten der Leibeigenschaft war es nur eine sehr bedingte Befreiung. Natürlich war man in einer freien Reichsstadt kein Leibeigener mehr, sondern formal frei. Doch dafür müsste man andere, ganz natürliche Freiheiten aufgeben. Die enge Bebauung gerade der mittelalterlichen Städte führte nämlich zu einer Doppelmoral, die man auf dem Land nicht kannte. Es führte auch dazu, dass man selbst einen Orgasmus nicht mehr als Befreiung empfand, schließlich musste man leise sein, damit die Nachbarn und Kinder es nicht mitbekommen. So etwas wie die bürgerliche Moral des 19. Jahrhunderts mit totaler Verleugnung von Körper und Sexualität konnte nur in der engen Stadt entstehen.

 

Im Spiegelartikel zu Neujahr wird postuliert, dass das Land noch mehr zu Gunsten der Großstädte entvölkert wird. Alles deutet im Moment darauf hin, dass diese Weissagung stimmt. Doch alles, was im Augenblick stattfindet, ist die Folge einer gewaltigen Fehlentwicklung, die schon jetzt unabsehbare Krisen heraufbeschwört und wohl kaum noch bis in alle Ewigkeit fortgesetzt werden kann, sie wird und muss einfach scheitern. So wenig wie etwas nur auf Schulden aufgebaut werden kann, so wenig wie es ein unbegrenztes Wachstum geben kann, so wenig es von der Menschheit auf Dauer hingenommen werden wird, dass einige wenige mächtige Industrienationen das Schicksal der Welt oder auch nur der EU diktieren, so wenig wird die gegenwärtige Wirtschafts- und Gesellschaftsform überleben können.

 

Eine ganz andere Entwicklung beschreibt Serge Latouche in einem Artikel der Taz ebenfalls zum neuen Jahr 2012:

 

Wenn du merkst, dass der Zug, in dem du bequem Platz genommen hast, in die falsche Richtung fährt, reicht es nicht, darauf zu hoffen, dass er sein Tempo drosselt

 

Was hat das nun alles mit Akupunktur zu tun?

 

Ich finde, sehr viel. Akupunktur befasst sich mit Heilen im Gegensatz zur überwiegenden westlichen Medizin, die sich mit reparieren und Funktionen erhalten befasst. Diese Ausprägung der westlichen Medizin passt zu einer Gesellschaft, die krank macht. Sie gehört zur Gesellschaft wie der Automechaniker zum Auto mit eingebautem Verschleiß. Und lebt gut davon, der gesamte Etat des Gesundheitswesens ist fast so hoch wie der gesamte Staatshaushalt.

 

In einer krankmachenden Umgebung kann man auf Dauer nicht gesund leben. Gesundheit ist nicht nur etwas individuelles, sondern Ausdruck einer intakten sozialen Gemeinschaft.