Aufsätze zur Akupunktur

 

 

 

 

 

 

 

Akupunktur ist nicht gleich Akupunktur

 

In ihrer einfachsten Form ist sie wie Kochen nach dem Kochbuch, weshalb ich die einfachste Form auch einfach Kochbuchakupunktur nenne.

In ihrer höchsten Blüte ist sie die Sprache des Meisters verbunden mit einem absichtslosen Wissen des Augenblicks, im chinesischen auch WuWei genannt.

Dazwischen gibt es viele Stufen und Übergänge.

 

 

Die Kochbuchakupunktur

 

Sie wird mit Akupunkturpunkten, die aus der Literatur bekannt sind, nach einer möglichst exakten Diagnose entweder nach chinesischer oder westlicher Methodik in Punktkombinationen ausgeführt, die im Lehrbuch stehen.

Obwohl es der Kochbuchakupunktur bereits an der nötigen Genauigkeit fehlt, kann man dennoch bereits damit sehr viel erreichen. Die Kochbuchakupunktur ist der Standard sowohl im Westen, insbesondere in der so genannten TCM als auch in China. Es ist eine Akupunktur, die man vom Verstand her lernen kann, wenngleich man sie dennoch niemals begreifen wird.

Wenn man sich vorstellt, dass alleine im Bereich der Pulse am Handgelenk auf der Fläche etwa einer 2 Euro Münze mehr als 100 Akupunkturpunkte liegen, von denen einer bei missbräuchlicher Anwendung äußerst gefährlich ist, wird auch klar, dass man mit den üblichen Methoden, Akupunkturpunkte zu lokalisieren, nicht allzu weit kommen kann. Denn auch die üblichen Methoden der Lokalisierung sind vom Verstand gesteuert. Wenn ein Akupunkturpunkt ganz exakt mit einer Akupunkturnadel behandelt wird, dann wird höchstens das Setzen der Akupunkturnadel als kurzer Schmerz wahrgenommen, oft noch nicht einmal das, anschließend jedoch ist die Nadel nicht mehr schmerzhaft spürbar. Sitzt die Nadel jedoch nicht exakt im Akupunkturpunkt, wird sie weiterhin schmerzen und somit, wie immer bei Schmerz als Signal, darauf hinweisen, dass etwas nicht stimmt, dass die Akupunkturnadel nicht dort sitzt, wo sie eigentlich sein sollte.

Dennoch ist bereits diese im Verhältnis primitive, am Verstand orientierte Methode der Akupunktur so erfolgreich, dass sie von der WHO als Heilkunst anerkannt wird und in Deutschland immerhin auch in Universitätskliniken zur Schmerztherapie und Geburtsvorbereitung eingesetzt wird.

Die Uniklinik Mannheim, die als erste deutsche Universitätsklinik Geburtsvorbereitung mit Akupunktur eingeführt hatte, ist zu Recht stolz darauf, dass 80 % der so vorbereiteten Geburten praktisch schmerzfrei sind. Und das nicht etwa durch eine Unterdrückung der Schmerzen bei der Gebärenden, sondern, wie Untersuchungen nachgewiesen haben, durch eine weite Öffnung des Geburtskanals, der das Trauma der Geburt für Mutter und Kind erträglich werden lässt.

Diese Art, Akupunktur auszuüben, ist relativ leicht zu erlernen. Vielleicht haben Sie schon mal Anästhesie bei Operationen mit Akupunktur im Fernsehen gesehen. Das ist keine große Kunst.

 

Die Grenzen der Kochbuchakupunktur sind auch klar. Nur, wenn die Diagnose tatsächlich genau stimmt, die Akupunkturpunkte unabhängig vom Körperbau, dem Alter und Gewicht an einem Patienten wenigstens einigermaßen genau lokalisiert werden können, sei es ein kleines Kind oder ein erwachsener Mann mit erheblichem Übergewicht kann man damit tatsächlich etwas erreichen. Wobei die Heilung, die damit erreicht wird, oftmals an der Oberfläche bleibt und letztendlich eher Symptome bekämpft als eine wirkliche, tief gehende Heilung zu erreichen.

Man kann beispielsweise einen Migränepatienten durch immer wiederkehrende Akupunktur Behandlungen über mehrere Jahre beschwerdefrei halten, ohne dass die zu Grunde liegende innere Haltung geheilt würde. Doch irgendwann geht das auch mit der Kochbuchakupunktur nicht mehr. Die Beschwerden kommen wieder.

Während sich bei einer tatsächlichen Heilung die inneren Zwänge, die sich gelegentlich in einer Migräne Ausdruck verschaffen, einfach sang und klanglos verschwinden, als seien sie nie angewiesen. So dass auch die Migräne nicht mehr notwendig ist und ebenso verschwinden kann. Und zwar für immer.

 

 

Akupunktur als Sprache

 

Eigentlich ist die Akupunktur eine Sprache. Wenn man das Kochbuch hinter sich gelassen hat, dann wird die Akupunktur zu einer Sprache, mit der man so selbstverständlich kommuniziert wie mit einer verbalen Sprache.

Sprache ist ein gutes Beispiel, um zu verdeutlichen, wo die grundlegenden Unterschiede zwischen der Kochbuchakupunktur und der Akupunktur als Sprache liegen.

Stellen Sie sich vor, Sie planen eine Reise in ein Land, dessen Sprache sie nicht beherrschen. Vielleicht nehmen Sie einfach ein kleines Wörterbuch für Touristen mit, in dem die wichtigsten Sätze und Redewendungen inklusive einer Lautschrift stehen. Handelt es sich um eine Sprache, deren Laute nicht mehr viel mit unserer Sprache gemein haben, wird Ihnen oft nichts anderes übrig bleiben, als dem Gegenüber die entsprechende Passage im Wörterbuch zu zeigen, weil sie es noch nicht einmal aussprechen können.

Bleiben sie länger in diesem Land, werden Sie nach und nach in der Lage sein, sich zumindest bei alltäglichen Unterhaltungen verständig zu machen. Doch eine sprachgewaltige Dichtung werden sie vermutlich niemals in der fremden Sprache hin bekommen, das macht man dann doch lieber in der Muttersprache, sofern das Talent und die Fähigkeiten dazu entwickelt wurden.

Wird Akupunktur als Sprache gelernt, so dass man nicht mehr das kleine Wörterbuch benötigt und beliebige Sätze mit dem vorhandenen Wortschatz geformt und korrekt ausgesprochen werden können, dann wird es ähnlich wie die Muttersprache nach und nach zu einer Sprache, mit der die größten Dichtungen möglich sind. Wobei Akupunktur dennoch nicht die Sprache der Dichter ist, die keinen Leser benötigt, sondern eine Kommunikation mit dem Patienten (das kann man sogar selbst sein), die auf einer unbewussten Ebene stattfinden.

Sprache kann natürlich auf ganz verschiedene Art angewendet werden, man kann mit ihr in eine wirkliche Kommunion kommen, man kann ebenso gut Absichten verfolgen.

Mit Sprache kann man sich um das gegenseitige verstehen bemühen oder stattdessen auch in einer Diskussion streiten, den anderen überzeugen wollen oder, wenn das nicht gelingt, als Sieger aus einer Diskussion hervorgehen und den anderen gedemütigt haben.

Mit der Akupunktur als Sprache ist beides möglich. Mit der Akupunktur in ihrer höchsten Blüte, die im Wissen des Augenblicks ohne jede Absicht ausgeführt wird, gibt es auch kein bemühen mehr um ein gegenseitiges verstehen, stattdessen findet auf einer unbewussten Ebene eine totale, gelegentlich sehr tief gehende Kommunikation statt.

Für den Behandler kann eine Behandlung dennoch wie zu einer Tondichtung führen, zu einer Sinfonie, die von sensitiven Patienten dann auch wahrgenommen wird.

Aber man kann auch ganz gezielt mit dieser Sprache etwas erreichen wollen. Hat sich jemand eine Verletzung zugezogen, dann spielt es keine Rolle, was tief im Inneren des Patienten um Hilfe schreit, weil es Heilung sucht, dann kann man mit voller Absicht die Heilbehandlung für die Verletzung angehen.
Dann kann man auch, weil eine Heilbehandlung in der gegenwärtigen Situation nicht möglich ist, zunächst eine absichtliche Symptombehandlung machen, einfach um die Schmerzen zum verschwinden zu bringen.

Manchmal ist es eben erforderlich, dass man mit einer Absicht an eine Behandlung herangeht.

Doch das, was ich in vielen Behandlungen immer wieder erlebt habe, wäre mit einer Absicht nicht möglich gewesen.

 

Die höchste Blüte der Akupunktur, die Behandlung aus dem WuWei

 

Wenn ich als Behandler selbst keine Absicht verfolge, sondern mich von etwas leiten lassen, von dem wir nicht wissen, was es ist, auch dann nicht, wenn wir diesem Unkennbaren einen Namen geben, sei es Gott, sei es die Existenz oder eine höhere Intelligenz, dann spreche nicht mehr ich durch die Akupunkturbehandlung, sondern etwas deutlich größeres als ich. Dann werde ich selbst zum ausführenden Werkzeug.

Dann können wunderbare Dinge geschehen, die sich der Verstand noch nicht einmal hätte vorstellen können.

Beispielsweise, wenn ich hin und wieder bei einem Zahnarzt die Anästhesie bei Spritzen resistenten Patienten gemacht hatte und deutlich mehr als die dafür eigentlich erforderlichen Akupunkturpunkte benötigt wurden, war es immer ein Entzündungsherd im Mund, der übersehen worden war und dessen Heilung durch die Akupunkturbehandlung auch gleich initiiert wurde. Während, wenn ich mit der festen Vorstellung daran gegangen wäre, Anästhesie zu machen, die Entzündung nicht entdeckt worden wäre und zu Komplikationen bei der Zahnbehandlung geführt hätte.

Bereits nach drei Tagen, spätestens wenn ich eine Woche später turnusgemäß wieder in der Zahnarztpraxis war, konnte die Anästhesie erfolgen, weil die Entzündung inzwischen vollständig abgeheilt war.

Das ist ein ganz einfaches Beispiel. Oft genug habe ich erlebt, dass Patienten mit etwas eigentlich oberflächlichem kamen, beispielsweise, weil sie abnehmen wollten, was natürlich mit Akupunktur auch möglich ist und stattdessen etwas geheilt wurde, dessen Heilung sie sich längst nicht mehr vorstellen konnten, weil sie es nach Jahrzehnten und unzähligen Besuchen in Kliniken, Arzt- und Heilpraktikerpraxen einfach aufgegeben hatten und, wenn auch widerstrebend, damit lebten.

Oder, ein anderes wundersames Beispiel aus meiner ganz persönlichen Erfahrung. Glatte Schnittwunden heilen mit Akupunktur so schnell, dass man dabei zusehen kann, wie sich die Wunde schließt.

Doch diesmal lief es ganz anders. Ich war dabei, die Kanten der Skier zu schleifen und wunderte mich über die Blutstropfen auf dem Fußboden. Erst dann entdeckte ich die tiefe Schnittwunde im Zeigefinger, die bis auf den Knochen ging. Nachdem ich die Wunde sorgfältig ausgewaschen hatte, meine Hände waren von feinen Metallspänen bedeckt gewesen, ging ich in meine Praxis um die Nadeln zu setzen. Natürlich erwartete ich, dass sich die Wunde, wie sonst auch bei Schnittverletzungen schnell schließen würde. Doch es passierte etwas ganz anderes. Wie auch sonst gewohnt, hörten Blutung und Schmerzen schon nach wenigen Nadeln auf. Doch die Wunde schloss sich im Verlauf mehrerer Tage allmählich von innen heraus. Verbliebene, ganz feine Metallspäne, wurden dadurch nach außen gedrückt und blieben nicht im Körper.
Das hätte ich von mir aus niemals so steuern können.

Da war ich wieder mal dankbar für diese unglaubliche Intelligenz, die mich geleitet hatte. Das ist nur möglich, wenn man selbst keinerlei Absicht verfolgt.

Doch die Dankbarkeit, von der man erfüllt ist, wenn man einen solchen Heilprozess mit erlebt, kann sich eben nur einstellen, wenn man sich leiten ließ. Denn im anderen Fall wäre es nur der Stolz des Egos auf das, was man schon wieder mal erreicht hatte. In dieser Dankbarkeit ist eine Demut, die sich ganz anders anfühlt als das, was uns die christlichen Kirchen lehren. In ihr ist eine tiefe Freude. In ihr ist ein Leuchten, eine eigentümliche Schönheit.

 

 

Das Erlernen der Sprache Akupunktur

 

Es lässt sich mit Worten eigentlich gar nicht beschreiben, was schon bei einer ersten Behandlung durch neue Schüler/innen im Rahmen eines Einführungswochenende stattfindet. Nach anfänglichem Zögern kommen sie mehr und mehr in einen Fluss, in dem es ganz selbstverständlich ist, den nächsten Punkt wahrzunehmen und, zunächst mit Akupressur, zu behandeln.

Natürlich mischt sich der Verstand mit Unmengen von Zweifeln immer wieder ein, er kann nicht begreifen, was da passiert. Woher weiß ich, dass das, was ich da gerade wahrnehme, der richtige Punkt ist? Darauf gibt es natürlich keine Antwort. Aber so, wie ein kleines Kind, das allmählich die Sprache erlernt, so wird auch die Sprache Akupunktur erlernt, trotz aller Zweifel, die ein kleines Kind natürlich nicht hätte, wenn es allmählich seine Muttersprache erlernt. Aber das ist dann auch der Unterschied zur verbalen, Verstandes gesteuerten Sprache. Denn der Verstand kann die Akupunktur nicht begreifen. Trotz aller Versuche, die Akupunktur theoretisch zu deuten. Noch nicht einmal die Akupunktur, die an einer Uniklinik beispielsweise zur Geburtsvorbereitung ausgeübt wird, kann der Verstand begreifen. Der Verstand kann lediglich zumindest oberflächlich die Auswirkungen der Akupunkturbehandlungen wahrnehmen und mehr oder minder begreifen. Doch wieso es zu diesen Auswirkungen kommt, in dem einige Akupunkturpunkte sei es durch die Berührung mit einem Finger oder durch eine Nadel aktiviert werden, entzieht sich jeder verstandesmäßigen Erklärung. Und das, obwohl es Dutzende von Theorien zur angeblichen Wirkungsweise der Akupunktur gibt.

Je unschuldiger man mit dieser Akupunktur umgeht, umso leichter wird man sich tun. Dann werden auch nach und nach die Zweifel und Fragen einfach verschwinden und es macht dann einfach nur noch tiefe Freude, mit Hingabe seine Behandlungen durchzuführen.

Meditationen sind dabei sehr hilfreich.