Glaube und Akupunktur

 

Mit dem Verstand lässt sich Akupunktur nicht nachvollziehen. Trotz aller Theorien, die dazu entwickelt wurden. Mit dem Verstand kann man Punktkombinationen auswendig lernen, die bei einer bestimmten Diagnose angewendet werden. Aber warum diese Punktkombination wirken soll, das kann der Verstand nicht nachvollziehen.

Was bleibt, wenn man an die Grenzen des Verstandes stößt?

Dann gibt es zwei grundverschiedene Herangehensweisen, nicht nur in der Akupunktur. Entweder etwas zu glauben oder zu lieben und zu vertrauen.

 

Glaube und warum Glaube falsch ist

Egal ob in der Religion oder in sonst irgend einem Bereich, der dem Verstand nicht zugänglich ist, selbst in Wissenschaften wie der Physik, wird etwas, was wir definitiv nicht wissen, auch nicht verstehen können, oft genug durch Glaube ersetzt.

In der Astrophysik glaubt man beispielsweise an den Urknall. Dabei ist es nicht mehr als eine Theorie, für die eine gewisse Wahrscheinlichkeit spricht. Wirklich wissen kann es niemand.

In den Religionen glaubt man, was schon die Eltern und Großeltern geglaubt haben. Und nur, weil es in der Familie, in der Gesellschaft Tradition ist, weil es in „heiligen“ Büchern steht, hält man sogar für wahr, woran man glaubt. Manche klammern sich so fest daran, dass sie sogar bereit sind andere zu ermorden, die an diesem Glauben Zweifel sähen und sei es nur dadurch, dass sie an etwas anderes glauben.

Wir wollen uns einfach nicht zugeben, dass wir letztendlich in den Bereichen, die durch die Religionen besetzt sind, absolut nichts wissen. Würden wir es zugeben, würde sich nämlich automatisch eine existenzielle Frage stellen. Die Frage nach dem Sinn unseres Daseins, die Frage nach einem möglichen danach. Religionen machen es einfach, sie geben darauf vorgefertigte Antworten, an die man einfach glauben muss.

Dabei ist eigentlich klar, dass das sehr dumm ist. Nur deshalb an etwas zu glauben, weil man durch den Zufall der Geburt in eine Familie hineingeboren wurde, in der ein bestimmter Glaube, eine bestimmte Religion Tradition ist.

Glaube ist eine sehr dumme Herangehensweise an Fragen, die der Verstand nicht beantworten kann, deren Dimensionen er noch nicht einmal erfassen kann. Glaube findet im Kopf statt, hat keine Wurzeln in uns. Dasselbe gilt natürlich für all die vielen Verhaltensregeln, Moralitäten, die die verschiedenen Religionen und Glaubensrichtungen innerhalb der Religionen hervorgebracht haben.

Für die einen führt es in der Hölle, Schweinefleisch zu essen, für andere stattdessen Rindfleisch zu essen während Schweinefleisch unbedenklich ist usw. und so fort. Für die einen ist eine wunderschöne musikalische Komposition, von vielen Komponisten für viele Instrumente neu vertont, nämlich das Ave Maria, Inbegriff des Glaubens, für die anderen, ebenfalls Christen, ist es geradezu des Teufels.

Warum ist es ist Teufels? Weil es Zweifel sähen könnte an dem, was man glaubt. Die ganze sakrale Musik, egal in welcher Religion, hat vor allem die Aufgabe, die, die daran glauben, in ihrem Glauben auch noch zu bestärken. Zweifellos sind in der sakralen Musik grandiose, wunderschöne Werke entstanden. Warum gerade dort?

Man kann auch an die Akupunktur glauben. Das hat dann ebenso wenig Wurzeln wie jeder andere Glaube auch. Schon der kleinste Heilungsmisserfolg und der ganze Glaube gerät ins Wanken.

Glaube ist einfach dumm!

 

Liebe und Vertrauen

Liebe und Vertrauen haben Wurzeln in uns. Sie sind nämlich eigentlich unser innerstes Wesen. Ohne Liebe würde es uns gar nicht geben. Ohne die mütterliche Liebe, mit der wir, als wir noch ganz hilflos waren, genährt und beschützt wurden.

Doch Liebe und Vertrauen machen uns auch verletzlich, weshalb wir sie oft genug ganz tief in uns verstecken. So tief, dass wir sie völlig vergessen.

Liebe und Vertrauen spielen in einem Bereich, der dem Verstand nicht zugänglich ist. Niemand kann wirklich beantworten, warum man jemanden liebt. Und wer es doch beantworten kann, der liebt nicht, für den ist der andere einfach nur nützlich. Schon dreimal kann niemand beantworten, warum man vertraut, obwohl man nichts über den anderen weiß, nichts von der Zukunft weiß.

Natürlich gibt es auch hier das sprachliche Missverständnis. Denn im zwischenmenschlichen Bereich wird oft genug von Vertrauen gesprochen, wenn man damit eigentlich Berechenbarkeit meint. Ich kenne Dich und weiß wie Du Dich in bestimmten Situationen verhältst, also „vertraue“ ich darauf, dass Du Dich in Zukunft ebenso verhalten wirst. Das hat nichts mit Vertrauen zu tun. Und es wird auch oft genug enttäuscht.

Dabei sind Liebe und Vertrauen die Grundfesten zumindest der Abrahams Religionen, also in der zeitlichen Reihenfolge ihres Entstehens Judentum, Christentum und Islam.

 

Liebe

Schon im ersten Gebot wird Liebe zur obersten Pflicht. Aus der sich dann alles weitere ergibt. Denn das „Du sollst“ der übrigen Gebote kann ebenso gut, kann sogar richtiger, mit „Du wirst“ übersetzt werden. Also, wenn die erste Bedingung erfüllt ist, dass man Gott von ganzem Herzen liebt, dann wird man nicht töten, stehlen usw. Während ohne Liebe die zehn Gebote nur eine moralische Richtschnur sind. Eine Richtschnur, die keine Wurzeln in uns hat.

Schon damals haben die Menschen das nicht verstanden und stattdessen entwickelte sich daraus das mosaische Gesetz, die Thora. Jesus hat vergeblich versucht, alles wieder auf die richtige Grundlage, die Liebe zu stellen. Er wurde und wird missverstanden, das fing schon ganz früh mit Paulus an.

Dabei ist es doch eigentlich so einfach. „Liebe Deinen Nächsten, wie Dich selbst“, was gibt es daran eigentlich zu rätseln? Der Maßstab ist im zweiten Halbsatz, wie Dich selbst. Liebe divergiert nicht. So nach dem Motto, den Teil von mir mag ich und den anderen Teil mag ich nicht. Denn wenn wir so mit uns selbst umgehen, dann gehen wir mit unseren Nächsten haargenau so um. Dann brauchen wir schon die rosarote Brille des Verliebtseins, um uns einem anderen überhaupt hingeben zu können. Denn sonst müssten wir ein Schwert nehmen und den anderen in zwei Teile teilen. Natürlich nicht nur den anderen, uns selbst ebenso. Den guten und den schlechten Teil. Womit wir dann alle tot wären.

Womit wir bei einem ganz wichtigen Kapitel der Akupunktur wären, nämlich zu heilen. Was unter anderem auch bedeutet, zusammenzubringen, was zusammen gehört. Uns ganz zu machen! Uns so zu akzeptieren, wie wir sind, inklusive unserer früheren Missetaten, hasserfüllten Gedanken, die wir natürlich verdrängen, weil wir schließlich glauben wollen, dass wir so nicht sind. Womit wir schon wieder beim dummen Glauben wären. Nur weil wir glauben, dass wir so und so sind, sind wir noch lange nicht so. Da merkt man schon, wie sehr der Glaube Selbsttäuschung ist. Selbstbetrug!

Während uns die Liebe zusammenführt.

 

Vertrauen

Die zweite wichtige Qualität des Lebens ist das Vertrauen. Nicht nur des Lebens, sondern auch der Akupunktur. Denn in der Akupunktur können wir nicht mehr machen als unsere Arbeit. Die nächste Nadel, ob Gold oder Silber, dorthin zu setzen, wohin sie gehört. Die Heilung haben wir nicht in der Hand.

Jesus, der, wenn ich den Eingangssatz zum „Vater Unser“ richtig verstehe, nämlich „wenn ihr schon betet, dann betet also“ eigentlich etwas gegen Gebete hatte, hat uns ein wunderschönes Gebet mitgegeben, das, wenn wir es wirklich beherzigen würden, Schlüssel zu Liebe und Vertrauen wäre.

Da heißt es zum Beispiel: „unser täglich Brot gib uns heute“

Die meisten plappern es ohnehin nur einfach beim gemeinsamen Gebet in der Kirche nach. Und ob die, die es vorbeten, nämlich die Pfarrer und Priester, es wirklich verstanden haben, sei dahingestellt.

Man kann es als Bitte auffassen, als betteln oder als Vertrauen. Das Vertrauen, das ohne Absicherung Gott uns nicht verhungern lässt. Aber wer vertraut schon? Und wenn wir nicht vertrauen, dann brauchen wir es auch gar nicht zu beten, denn dann sind es einfach nur leere Worte. Dann sichern wir uns eben doch ab.

 

Vertrauen macht verletzlich

Vertrauen macht verletzlich, sogar sehr tief verletzlich. Das gilt auch in der Akupunktur, das gilt auch für den Behandler. Mehr als seine Arbeit kann er nicht tun, die Heilung ist nicht in seiner Hand. Die Heilung erfordert Vertrauen. Doch wenn es um Heilung geht, gibt es keine Absicherung. Obwohl die Versicherungswirtschaft inklusive der staatlichen Pflichtversicherungen natürlich auch dafür eine Absicherung anbieten. Eine Absicherung, die zwar keine Heilung garantiert, dafür jedoch ein finanzielles Trostpflaster, falls die Heilung nicht eintritt.

Doch wer will schon verletzlich sein?

Tun wir nicht alles mögliche, um uns stattdessen abzusichern, zu schützen? Anstatt den Nächsten zu lieben schützen wir uns gegen ihn, rüsten auf! Wie können wir auch anders, wenn wir noch nicht einmal uns selbst lieben?

 

Einlassen auf das Unkennbare

Lieben und Vertrauen bedeuten, sich auf etwas unbekanntes einzulassen. Auf etwas nicht berechenbares. Bedeuten, sich hinzugeben, ohne die geringste Absicherung.

Eigentlich geht es sogar viel weiter, denn das unbekannte kann möglicherweise erforscht werden, doch darüber hinaus gibt es etwas, was keiner Forschung, keiner Berechenbarkeit, keinem Verstand zugänglich ist. Was von denen, die darin leben, noch nicht einmal mit Worten mitgeteilt werden kann. Nicht nur weil es keine Worte dafür gibt, sondern weil die Worte von jenen, die dort noch nicht leben, nicht verstanden würden. Wenn man einem Menschen, der von Geburt an blind war, die Farben eines Sonnenaufgang schildern möchte, dann ist es ein vergebliches Bemühen. Er wird die Worte verstehen, aber nicht ihren Sinn. Wenn man jemandem, der von Geburt an taub war, die ergreifende Schönheit eines mit Liebe gespielten Musikstücks schildern möchte, dann wird er die Worte verstehen, aber nicht ihren Sinn. Oder den Duft einer Rose jemandem schildern, der keinen Geruchssinn hat.

Doch genau um dieses nicht Kennbare geht es, sei es in unserem Leben, sei es in der Heilung, die über das reparieren körperlicher Fehlfunktionen hinausgeht.

Da hilft uns der Verstand nicht weiter und schon dreimal nicht dummer Glaube. Mit Liebe und Vertrauen können wir es uns erschließen, auch wenn unser Verstand zweifelt, weil er nichts versteht.